14. Hinweis:

Falsch eingeschätzt

Ich hasse diese Kälte! Das ganze Jahr über stehe ich hier im Wald am selben Fleck und kann mich nicht von der Stelle rühren. Ich, ein Baum von vielen. Muss Wind und Wetter, egal ob ich es schön finde oder nicht, über mich ergehen lassen.
Wie schön ist es, wenn die Sonne scheint. Warm und angenehm. Oder wenn ein kühler, zarter Windhauch durch meine Krone zieht. Hinreißend! Leise, sanfte Regentropfen, die vom Himmel fallen und sobald sie auf einen Untergrund treffen, zerspringen, verteilen eine nasse Dusche und erwecken im Wald einen hervorragenden Duft. Sie wirken so erfrischend, doch sobald sie zu Eis gefrieren, sind sie dazu nicht mehr in der Lage. Es erscheint mir immer wieder so, als würde der Winter diesen Wohlgeruch des Waldes, den der Regen hervorruft, einfrieren oder einsperren und ihm keine Chance geben, sich weiter auszubreiten. Ihn einfach gegen seinen Willen gefangen nehmen. Gemein und fies! Schon wieder fällt dieses weiße Zeug vom Himmel! Legt sich wie eine schwere Last auf meine Äste und nimmt mir jede Gelegenheit die Berührung eines Vögelchens oder eines anderen Tieres spüren zu können. Abschütteln kann ich sie auch nicht! Grauenvoll! Sogar auf meine Nasenspitze setzen sich die weißen, kalten Flocken!
„Warum schaust du so betrübt? Gefalle ich dir etwa nicht?“
Jetzt besitzen diese Anhänger des Winters auch noch die Frechheit, mit mir reden zu wollen! Wie unverschämt!
Direkt vor meinen Augen tanzen die Flocken umher und tun so als wären sie meine Freunde! Das sind sie doch aber gar nicht! Jedenfalls möchte ich sie nicht als Freunde. Eigentlich. Irgendwie ist es aber schon ziemlich putzig, wie sie, die kleinen Schneeflocken, so munter und fröhlich umherhopsen. Springen durch die Luft, als ob es keine schönere Beschäftigung geben würde. Vielleicht wollen sie andere Lebewesen dazu auffordern mitzumachen? Mich vielleicht? Ich würde so gerne, wenn ich doch nur nicht im Boden angewurzelt wäre! Wie schade!
Dann schaue ich den Flöckchen eben dabei zu und entschuldige mich beim Winter. Vielleicht ist es nicht notwendig, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass ich ihm Unrecht getan habe.
Verzeih, kalte, frostige Jahreszeit. Deine Schönheit war mir bisher nicht bewusst, doch jetzt lässt mich ihre Faszination nicht mehr los.

(Jasmin Schramm)

14.12.14 17:58

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